Liliom – Erinnerungen

Liliom: Mich kriegts ihr nicht!

Das Schuljahr ist nun schon seit einer Weile vorbei und damit auch das letzte meiner 8 Jahren in der Theater-AG des Lise-Meitner-Gymnasiums.  Deswegen, finde ich, ist es Zeit, die letzten Jahre noch einmal zu betrachten und ein Resümee zu ziehen. Anfangen möchte ich jedoch, erst einmal mit dem letzten Jahr. Eigentlich, habe ich offiziell bereits letztes Jahr, nachdem wir Sommernachtstraum gespielt hatten, die Theater-AG verlassen, weil ich letztes Jahr Abi gemacht hatte und damit eben auch die Schule verlassen habe. Durch die tolle Errungenschaft des Wehr-/Zivildienst wohnte ich allerdings im darauffolgenden Schuljahr noch in heimatlichen Gefilden und hatte in meiner Freizeit noch eine Menge unbesetzter Kapazitäten. Darum konnte ich also noch ein weiteres Jahr auf der Bühne stehen.

Um ehrlich zu sein war das ein wahrer Glücksfall, denn das letzte Jahr, war eines der besten und lustigsten in meiner „Karriere“. Eine ganze Riege neuer Gesichter versammelte sich also zu Anfang neben den alten Hasen und dem Theaterurgestein und da bahnte sich auch schon die erste Sinnkrise an. Was wollen wir eigentlich spielen? Nachdem uns klar wurde, dass  das erste, hochgelobte Stück, nach genauerem Lesen, doch nicht ganz unseren Anforderungen entsprach (Der Titel ist mir leider entfallen, lediglich die darin vorkommenden Kadaverodukte sind bei mir hängen geblieben – Ich werde halt langsam alt), kristallisierte sich ein Wettstreit – mancherorts auch Battle genannt zwischen den zwei Stücken  „Liliom“ (von Ferenc Molnár) und „Romulus der Große“ (von Friedrich Dürrematt) heraus. Unter vorbildlicher Demonstration eines Verständnis demokratischer Prinzipien fiel die Entscheidung am Ende auf Liliom (Es stand 7:5 gegen Liliom, aber um unserer Leiterin zu zitieren: „Ach wir wagen’s einfach“ ;D)

Nachdem das geklärt war, ging es nun daran die Fähigkeiten fürs Theaterspielen zu trainieren. Dazu gehören Artikulation, Atmung, übertriebene Gestik und Mimik, Improvisation und ganz wichtig – Drama. Bei solchen Proben könnten Aussehenstehende leicht den Eindruck bekommen, dass Schauspieler, ich möchte es galant ausdrücken, total einen an der Klatsche haben.

Man watet durch imaginäre Sümpfe, man wiederholt Nonsensilben, schreit seinen Gegenüber an nur um gleich darauf verliebt zu sein. Aber hey, egal wie idiotisch es sich anhört, oder es auch aussehen mag. Es macht eine ganze Menge Spaß.  Mit den herannahenden  Weihnachtsferien im Nacken bekamen wir unserer Rollen zugeteilt.  Als Gastspieler schlüpfte ich selbst in die Rolle eines Polizisten (und ganz ehrlich, die Uniform wollt ich am Ende gar nicht mehr hergeben). Also gingen nun die ersten „richtigen“ Proben los. Nachdem, wie zu erwarten, niemand in den Ferien seinen Text gelernt hatte, war die Theaterfreizeit mit ihren intensiven Proben gerade richtig. Wiedereinmal zog es uns nach Bad Rotenfels, bei Gaggenau.

Unter der Zuhilfenahme eines Theaterpädagogen arbeiteten wir an unserem Stück und genossen nach getaner Arbeit das wohltuende Thermalbad, das nur einen Steinwurf weit von unserer Unterkunft entfernt war. Die Freizeiten sind eigentlich immer die Knackpunkte, an denen die AG – schlussendlich zusammenwächst und die Neuen auch einen Zugang finden. Hat man sonst während den 2-stündigen Proben, praktisch nur Gelegenheit miteinander zu quatschen, wenn grad keiner weiß was zu tun ist, so bieten nicht nur die 10-stündigen Proben, nein auch die Gespräche danach, oder die nachmitternächtlichen Spaziergänge zum Mäc, genug Zeit um sich besser kennen zu lernen. Durch ein starkes Gruppengefühl, macht das Schauspielern gleich mehr Spaß, was den ganzen Spielfluß antreibt und dem Stück hilft besser zu werden. In den Wochen nach der Freizeit, versuchte wir, die Dinge die wir uns überlegt hatten, auf der Bühne umzusetzen. Trotz der immernoch eher wagen Textkenntnis, nahm das Stück immer mehr Form an und schließlich, in der Woche vor der Premiere, hatten viele das Gefühl, dass ein Erfolg mehr als machbar sei.

Der Premierenabend – Disco Pogo

Noch 5 Minuten und spätestens jetzt, machte sich bei jedem die Nervosität bemerkbar. Adrenalin, das in den Blutkreislauf ausgeschüttet wird, unterwirft uns. Jeder reagiert anders darauf. Manche ziehen sich zurück, wollen ihrer Ruhe haben und reagieren gereizt, wenn man sie stört. Andere können nicht ruhig auf der Stelle stehen und sind ständig in Bewegung. Wir (die männl. Schauspieler) haben eine einfache und schon seit Jahren erprobte Methode entwickelt um der Nervosität beizukommen. Wir singen lautstark alles mögliche, aber bevorzugt Weihnachtslieder.

Der Evergreen (Achtung Wortwitz) ist dabei „O Tannenbaum“. Aber dann, wenige Momente bevor sich der Vorhang zum ersten Mal öffnen sollte, wurde jeder still und die Spannung stieg ins Unermeßliche.  Mit einem leisen Surren, zog der Vorhang wie von Geisterhand auf, das Licht ging an und aus den Boxen im Saal drang dieses nervtötetende Lied Disco Pogo, das, wie bereits viele andere Lieder, bei mir zumindest seine Nervtötigkeit eingebüßt hat, da ich nun jedesmal wenn ich es hör, automatisch an die Aufführung denken muss. Das Stück nahm seinen Lauf und es lief gut. Die Emotionen kamen rüber, die Dialoge wurden gekonnt improvisiert, der Umbau verlief reibungslos. Hinter der Bühne wusste jeder wo er zu sein hatte und falls das nicht der Fall war, gab es immernoch mich und Pätrick die dafür sorgten, dass niemand seinen Auftritt verpasste. In den Umkleiden (die Jungenumkleide ist nebenbei gesagt ziemlich klein) wurden sofort die eigenen Auftritte diskutiert und das Publikum beurteilt, sprich ob man es leicht vom Stück überzeugen und/oder  zum Lachen bringen konnte, oder nicht. Dann die Pause, nocheinmal durchatmen, schnell was trinken und sich wieder bereit halten. Für mich hieß das im Zuschauerraum zu bleiben, da mein Auftritt aus einem Sprint, mit gezogenerer Waffe, auf die Bühne bestand. Dann die große Frage, soll man die Nebelmaschine für die Himmelsszenen anlassen auch wenn sie laut ist, oder nicht? Schafft Dominique es, sich rechtzeitig das Blut abzuwaschen um wieder auf der Bühne zu stehen? Zum Schluss, hat dann doch alles funktionert, man stand im Applaus, verbeugte sich und genoß den Endorphinschauer.

Nachdem man sich wieder in sich selbst verwandelt hatte, das Wichtigeste aufgeräumt war, konnte der entspannte Teil des Abends beginnen. Das Grillen. Gemütlich vorm Feuer sitzen, den Abend ausklingen lassen – und ich meine wirklich ausklingen, immerhin saßen wir bis 5 Uhr morgens dort – und ab und an noch eine Runde Eindrehen zum Wachbleiben (Eindrehen = sich als Gruppe, auf der Wiese solange um die eigene Achse drehen, bis die einzige Bewegungsrichtung unten ist =D).

Die Nachfolgenden 3 Aufführungen verliefen ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass das Ganze routiniert wurde und richtig ins Blut überging. Nach der letzten Aufführung hätte jeder noch gerne 2, 3, viele weitere Vorstellungen gegeben. Aber das Ende der Probenzeit hieß nicht, dass Ende der AG-Treffen. Nein im Gegenteil, jetzt folgten entspannter Gruppenabend auf Abend, ob Singstar, DVD, Bowling, Pizzaessen und dabei zeigte sich, dass durch dieses eine Jahr, die AG wieder neuzusammengewachsen ist.

Was bleibt

Dieses Zusammenwachsen ist etwas, was ich an der Theater-AG sehr zu schätzen gelernt habe. In den 8 Jahren sind die anderen in der AG zu einer Art Patchworkfamilie für mich geworden, für mich, der als Einzelkind so zum ersten Mal so etwas wie Geschwister hat (Ja … das klingt sentimental, soll es auch).

Außerdem hat das Theaterspielen mir zu mir Selbstvertrauen verholfen, denn in der AG wurde ich akzeptiert wie ich war, kein Gemobbe oder ähnliches und ich konnte mich ausleben. Auch die Schüchternheit hat sie mir ausgetrieben.. sowas passiert eben, wenn man vor knapp 200 Leuten auf einer Bühne steht und laut brüllend aus sich rausgeht und alle Augen im Saal auf einen gerichtet sind, oder wenn man mit einer eigenwilligen Entscheidung unserer Leiterin nicht einverstanden ist. Auch wenn es kleine Wermutstropfen gibt, wie etwa die Tatsache, dass wenn man einmal einen Rollentypus gut gespielt hat, fast immer ähnliche Rollen bekommen hat, z.B. das brave Mädchen oder der Vamp, oder wie bei mir so schön tituliert:

die „Anzugrollen“ obwohl man sich auch gern mal an anderen Charakteren probiert hätte, oder das bei manchen Entscheidungen die Meinung des Teils der AG, der immerhin das ganze auf der Bühne darstellen soll, übergangen wurde und einfach feststanden, muss ich sagen, das diese acht Jahre, mir so viel gegeben haben, dass ich sie um keinen Preis der Welt missen möchte. Wenn ich nur an die zurückliegenden Aufführungen denke, an die Dinge, wie meinen Lieblingsversprecher, als wie „DieWelle“ aufgeführt haben (Ich: „Alle 5 Minuten werde ich von besoffenen (statt besorgten) Eltern angerufen“), oder die Szenen bei denen in den Proben noch beim 100. Versuch alle in schallendes Gelächter ausbrachen („Ill“ – „Bürgermeister“). Wenn ich an die Nervosität vor dem Auftritt und an die Erleichterung und Freude nach dem Schlussvorhang, an all das Lachen, das ich mit diesen Menschen teilen konnte, denke, weiß ich, das dies ein großartiger Abschnitt in meinem Leben war. Dieser Text ist all jenen gewidmet, die in der Theater-AG des Lise-Meitner-Gymnasiums sind und waren und an alle, die eben solche Freude daran haben, sie selbst sein zu können und Menschen zu haben, die einen so mögen, wie man ist.

Danke Leute.

– Theaterstücke –

2010

Ferenc Molnar – Liliom

als Berkovics; zweiter Polizist

2009

William Shakespeare – Sommernachtstraum

als Demetrius

2008

Frank Wedekind – Frühlings Erwachen

als Ernst Röbel; Direktor Sonnenstich; Helmuth

2007

Friedrich Dürrematt – Besuch der alten Dame

als Boby

2006

Philip Ridley – Sparkleshark

als Russell

2005

Morton Rhue – Die Welle

als Direktor Owens

2004

Friedrich Schiller – Kabale und Liebe

als Sekretär Wurm

2003

Molière – Der eingebildete Kranke

als Butler

Fotos 1, 3, 4, 5 by Vogelscheuche von Dead-Hands

Foto 2  by Tamara Müller

Foto 6 by Dominique Berggötz

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~ von Dante - 16. August 2010.

Eine Antwort to “Liliom – Erinnerungen”

  1. […] Wall of Death – Nachlese zum Summer Breeze 2. Liliom – Erinnerungen 3. Heidelberg – Licht und […]

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