Das Wiedersehen

Die Tanknadel war nur noch wenige Mikrometer vor der absoluten Leere in Position gegangen und der Motor begann bereits leicht zu rebellieren. Gerade noch rechtzeitig, tauchte hinter der Straßenkurve die vermutete, aber zeitweise als verschollen geglaubte Shell-Tankstelle auf. Thomas Bremer erblickte die leuchtende Muschel mit einem verschmitzten Lächeln, beinahe hätte er schon geglaubt, dass er niemals mehr den Weg zurück in die Gefilde seiner Heimatgemeinde finden würde.
Im Nachhinein kamen ihm die Irrfahrt durch die Wälder und dieser seltsame Alte reichlich surreal vor.

14.30 Uhr zeigten die Ziffern seiner Digitaluhr. Er war zwar später dran als ursprünglich geplant, aber sollte noch genügend Zeit haben, um seine Freundin mit einem selbst gekochten Essen zu überraschen. Dies war der einzige Grund, warum er bereits so früh losgefahren war. Seine Kollegen waren zwar etwas enttäuscht gewesen, aber drei Tage Campen mit reichlich Bier und Grillgut, selbstverständlich, waren dann doch erst einmal genug für ihn, dessen Naturbegeisterung sich eigentlich stark in Grenzen hielt.

Den Blinker rechts gesetzt, bog er in die Tankstelle mit ihren zwei Zapfsäulen ein. Sein alter Polo knarzte, als er über den Bordstein fuhr, doch an diese und ähnliche Geräusche war er bereits seit langen gewöhnt. Sicherlich würde er sich bei seinem Job einen neuen Wagen leisten können, keine Frage und obwohl Marla ihn immer wegen seiner Klappermühle aufzog, hing er trotz allem an seinem Tüftlerauto.

Ich sollt’ echt darauf achten, dass ich noch genug Zeit fürs Essenkaufen hab… und ne Packung Aspirin wäre auch keine schlechte Idee“, dachte er sich bei dem leichten Ziepen in der Stirn, dass ihn bereits seit einigen Stunden auf seiner Fahrt begleitet.
Der Tank war zwar nur halb gefüllt, aber das sollte vorerst genügen. Er betrat den Laden und sah, dass wohl wieder eine Jugendliche aus der Gegend bei der Sommerjobsuche hier gelandet war. Ein freundlich, rundliches Gesicht und blondes, schulterlanges Haar, alles in allem ganz schmackhaft.

Schmackhaft?

Was hatte er sich denn dabei gedacht? Nein, ansehnlich traf es da viel eher.

Verrückt“ murmelte er.

Die Sache an der Hütte saß wohl doch tiefer als gedacht.

Nun ja, eine von Marlas berühmten Massagen sollte mich den ganzen Vorfall heut Abend wohl vergessen lassen“.

Er legte ein paar Scheine hin, verabschiedet sich, stieg ins Auto und fuhr in Richtung Supermarkt. Es waren keine 5 Minuten zu fahren und doch kam es ihm ungewöhnlich lange vor, fast so lang als er mittags den Waldweg, völlig orientierungslos entlang gefahren war, den ihm Maik als tolle Abkürzung empfohlen hatte.

Mit dem habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen“, kam ihm in den Sinn, bevor die Türen des Supermarktes wie von Zauberhand aufschwangen.

Als Kind hatte ihn das immer so fasziniert, dass er mit dem ewigen Rein- und Hinausrennen seine Eltern manches Mal zur Weißglut gebracht hatte.
Es war nicht viel, das er benötigte, ein paar Zwiebeln und Paprika und noch etwas Hackfleisch, der Rest war alles an seinen angestammten Platz in ihrer Küche.

Die Leute warfen einige belustigende Blicke auf ihn, während er den Einkaufswagen an ihnen vorbeischob. Es war ihnen nicht zu verdenken, musste er doch wie einer dieser Möchtegernabenteurer in drittklassigen Filmen wirken, mit seinen Kurzen Khaki-Shorts, dem verschmutzen Hemd (schon wieder Maik, der nicht mal in der Lage war mit einem offenen Bier unfallfrei zu laufen) und seinem Indianer Jones nachempfunden Hut. Zu allem Überfluss kam noch der schlechtgebundene Verband an seinem rechten Arm dazu. Er war noch sehr unruhig gewesen, als er versucht hatte, die Wunde so gut es ging zu verbinden.

Und alles nur wegen diesem alten Spinner“.

Nach kurzer Zeit befand sich alles in seinem Auto. Er hatte erst kurz vor der Kasse gemerkt, dass er, wohl geistesabwesend, weit aus mehr Hackfleisch in den Wagen befördert hatte als nötig gewesen wäre.

Fleisch…

Dieses Wort löste eine seltsame Erregung in ihm aus, die allerdings nur für den Bruchteil eines Moments die Kontrolle über seinen Geist innehatte.
Er maß dem nicht besonders viel Bedeutung bei und schob es auf seinen gestressten Tag ab. Kurz bevor er einstieg puhlte er zwei runde Aspirintabletten aus der Packung und spülte sie mit einem großen Schluck stillen Wassers die Kehle hinunter.

Der Polo verließ, knatternd wie eh und je, den Parkplatz und brachte seinen Besitzer zu dessen Eigenheim, dessen Besitz er seinen sparsamen und vorrauschauenden Vater zu verdanken hatte.

15.00 Uhr, Thomas Uhr fing an zu piepsen. Das war das Zeichen für ihn, dass er nun schleunigst beginnen sollte zu kochen. Ihm blieb noch gut eine Stunde, bevor Marla aus dem Krankenhaus zurückkam.

Das Gemüse zu schneiden war kein großes Problem, Thomas war relativ geschickt, was den Umgang mit Kochutensilien betraf. Plötzlich durchzuckte ein Schmerz seinen Kopf als würde sein Schädel von einem Schwert gespalten werden. Der Schmerz war fast so schnell wieder vorbei, dass Thomas sich nicht einmal sicher sein konnte, ob er überhaupt existiert hatte. Jedoch langte die Zeit, für einen sauberen Schnitt in den Zeigefinger.

Er kramte in einer Schublade nach einem Pflaster und widerstand nur knapp der Versuchung, das Blut abzulecken.

Was ist nur heute los?“

Der Tag schien immer unwirklicher zu werden.
Mit einem Mal war er sich nicht mehr bewusst, wo er am morgen noch gewesen war.

Das Einzige, das seine Aufmerksamkeit erweckte, war das immer noch eingepackte Hackfleisch, das der Theke in einem unnatürlichen Rot-Ton zu strahlen schien.

Er musste nicht genau was er tat, doch war die Verpackung offen, offenbar hatte er sie selbst mit den Zähnen aufgerissen und sich an dessen Inhalt gütlich getan.

Fleisch…
Mehr…

Brauche…

Summte eine Stimme in seinen Kopf, der er nicht widerstehen konnte, und auf einmal kam der Schmerz wieder. Nicht kurz, sonder stark pulsierend.
Er riss ihn zurück in die Realität. Er sah und roch das rohe Fleisch an seinen Händen und auf seinem Hemd.

Vor allem kam ihm eins klarer denn je in den Sinn. Der Alte vom Mittag, der vor einer schon fast baufälligen Hütte gesessen hatte und den er nach dem Weg, aus dem Wald, fragen wollte.

Er hat mich gebissen! Dieser verrückte alte Dreckskerl hat mich gebissen!“

Ein Stimmwirrwarr waberte durch seinen Kopf, dort war seine Eigene, die ihn ermahnte, er solle sich beruhigen und entspannen und noch zwei ihm unbekannte, beinahe röchelnde Stimmen.

Fleisch… Hunger… Füttere mich…
Schlaf,… schlaf, dann wird alles besser …

Es schien als wäre die Zweite die stärker der Stimmen, denn sein Körper bewegte sich tatsächlich in Richtung Schlafzimmer.
Er fiel schnurgerade auf das Bett und eine unheimliche Müdigkeit überkam ihn.

Er hat mich gebissen“ war sein letzter Gedanke.


15.30 Uhr, Marla Jakobs betrat die Tiefgarage des Krankenhauses, in dem sie nun seit einem Jahr Internistin war. Ihr roter Mercedes war direkt am Treppenhauseingang geparkt, somit dauert es nicht lange und sie befand sich auf der Bundesstraße Richtung Zuhause. Ihr Thomas sollte inzwischen wieder zurück sein von seinem Campingausflug, wie er es nannte, für sie war es nur einer der typischen Vorwände den Männer vorbrachten um ungestört literweise Bier und fettige Wurst in sich hineinzufüllen.

Na ja, er achtet ja ansonsten auf seinen Körper… und außerdem, so süß, wie er immer um Erlaubnis fragt, da muss ich ihm so was einfach manchmal erlauben.“

Im Radio kam der alte AC/DC – Klassiker Highway to Hell, den sie geistesabwesend mitsang. Sie konnte es kaum erwarten sich endlich zu Hause auszuruhen.
Der alte blaufarbene Polo stand bereits in der Auffahrt, also hatte es Thomas tatsächlich geschafft rechtzeitig da zu sein und sich nicht zu verfahren, wie es sonst typisch für ihn war.

Sie schloss die Tür auf.

Schatz? Ich bin da“

Keine Antwort, na ja vielleicht hatte er sich eine für eine kurze Weile ausgeruht. Plötzlich drang ihr der Geruch von Verbranntem in die Nase, auf der Stelle hastete sie in die Küche, um die Pfanne mit einen, inzwischen undefinierbaren, schwarzen Inhalt von der Herdplatte zu stellen.

Ach dieser Idiot“

Eine Hand legte sich auf ihre Schulter, doch so konnte er sie schon lange nicht mehr erschrecken.

Eigentlich sollte ich ja sauer sein, dass du hier fast die Bude abgefackelt hast… aber für einen Kuss denke ich, könnte ich dir verzeihen“, sagte sie mit dem Anflug eines Lächelns, aber immer noch Thomas den Rücken zugewandt.
Ihr war der röchelnde Atem bei der ganzen Aufregung nicht aufgefallen.

Sie drehte sich blitzschnell um, legte ihre Hände um seine Schultern und spitze die Lippen. Ihre Augen waren noch nicht ganz geschlossen, so dass sie die Augen eines Toten erblicken konnte.

Er grub seine Zähne in ihre Lippen.

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~ von Dante - 5. August 2010.

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