Schattentraum

Der Wind blies ihm mit unbekannter Stärke ins Gesicht, D. war sich nicht darüber klar, wo er war.
Um ihn herum konnte er nicht viel erkennen. Dunkelheit beherrschte sein Sichtfeld, die durch einige unwirklich verschmierte Lichtstreifen, in ihrer allumfassenden und bedrohlichen Wirkung nur verstärkt wurde.
Wie er an solch einen seltsamen Ort geraten war, war ihm schleiherhaft. Auch dieses seltsame Gefühl, das dafür sorgte, dass sich seine Nackenhärchen, in dem verzweifelten Versuch ein, sich dem eiskalten Wind widersetzendes, wärmendes Luftpolster aufzubauen, aufstellten, konnte er nicht so recht einordnen.
Seine Erinnerungen waren diffus, er wusste nicht, was er den heutigen Tag getan hatte, er konnte sich nicht einmal an die letzten Wochen oder Monate erinnern. Einzig und allein ein Bild war einigermaßen klar erkennbar.

Eine Schaukel.

So viel konnte er ausmachen. Auf der Schaukel saß eine Person, doch erkennen, konnte D. sie nicht. Von der Größe her, schien es ein Kind zu sein, eventuell im Grundschulalter.
Warum er sich an diesem fremden Ort, von dem er nicht wusste, wo er lag, oder wie er dort hingekommen war, lediglich eine geisterhafte Schaukel denken konnte, wusste er nicht.
Er versuchte sich irgendetwas anderes ins Gedächtnis zu rufen, doch er fand nichts. Es gab nur Schwärze, außerhalb des Bildes der Schaukel mit dem traurigen Kind.
Woher er wusste, dass es traurig war, war ihm nicht auf Anhieb klar, doch nun mischte sich neben das Bild ein weiterer Sinneseindruck, ein leises Schluchzen, das scheinbar von eben jenem Kind kam, welches anfangs nicht mehr als eine schattenhafte Silhouette war und nun immer mehr Gestalt annahm.
Was vormals Schwärze war, bekam nun Farbe. Dichtes, braunes Haar, ein altes, blaues, abgetragenes T-Shirt, das mehr als einmal schon im Dreck gelegen haben muss und blutigrote Linien, die sich wie gierige Schlangen um die Unterarme wanden. Dicke Tränen kullerten dem Kind über die Wangen, erzitterten und fielen auf den Boden, wo sie mit einem leisen Plopp zerschlugen. Dann, als sich D. Immer mehr auf das Kind konzentrierte, schien der Rest der Szenerie sich in Nebel aufzulösen.
Der kleine Junge blieb in seinem Blickfeld, während sich um ihn herum ein dunkler Kreis, aus einer schattenhaften Masse bildete. Ein Augenblick später, veränderte sich auch die Gestalt des Jungen, er schien gealtert zu sein – er sah aus als wäre er mitten inder Pubertät.
Die Masse nahm nun auch langsam Kontur an. Es zeichneten sich Silhouetten ab. Der Junge befand sich offensichtlich inmitten einer Menschenmenge. Auf den Gesichtern der Meute zeichneten sich Münder ab, die zu einem hämischen Grinsen verzogen waren. D. nahm nun auch Gelächter wahr. Es hörte sich knisternd und verzerrt an, wie aus einem alten Radio, mit schlechtem Empfang.
Die Meute bewegte sich immer weiter auf den Jungen und auf D. zu. Sie verschwamm wieder zu einer schwarzen Wand, die immer näher kam, den freien Raum immer weiter einengte und schließlich alles in tiefste Dunkelheit tauchte.
Plötzlich flackerte über ihm ein einsames Licht auf und tauchte die Umgebung in matte Helligkeit. Er saß an einem alten, vergammelten Holztisch. Überall sah man fleckige Stellen, die im Licht glänzten. Rechts neben ihm, unverkennbar der Junge, wobei Junge nun wohl das falsche Wort war. Es schien als würde er langsam auf die 30 zugehen. Seine Stirn zog sich bereits etwas in die Höhe, und das Gesicht war zerfurcht von Aknenarben.
Er trug ein braunes Sakko und ein weißes Hemd mit unsauber gemachter Krawatte.
Auf dem Tisch erkannte D nun auch dutzende Briefe liegen. Nur mit größter Konzentration war es im möglich, die Aufschrift auf den Briefköpfen zu entziffern. Mahnung –Dieses Wort prangerte auf dem Großteil der Briefe. Für ihn nur eine Ansammlung, maschinell gedruckter Buchstaben, schienen sie für den Anderen wie ein, über seinem Haupt schwebendes, Damoklesschwert.
Aus dem Dunkeln trat plötzlich eine Frau. Eine junge, hübsche Frau, sonnengelbe Bluse, azurblaue Jeans und lebendige Augen, die durchaus bezaubernd ausgesehen hätten, wenn nicht die Mimik die größte Abscheu zum Ausdruck gebracht hätte. Zu ihrer Seite sah man einen alten Koffer stehen, der seine besten Zeiten schon hinter sich hatte. Sie redete, oder ihrem Gesicht nach zu urteilen, ließ sie eher eine Tirade auf den Anderen niedergehen. Dieser schien sie aber nicht wahrzunehmen, starrte apathisch in die Bierflasche in seiner rechten Hand.
Das Licht zersprang.
Wieder Dunkelheit.
Langsam war es für D ein vertrautes Gefühl in der Finsternis zu schweben.
Mit einem Schlag war das Bild nun wieder klar.
Klarer und schärfer als alle anderen zuvor. Er stand nun hinter dem Anderen, der noch die selbe Kleidung trug, wie zuvor. Über ihm konnte D, einen zur schmalen Sichel geformten Mond ausmachen, ansonsten war der Himmel schwarz. Doch die matte Sichel brachte genug Licht um das Geschehnis zu beleuchten. Der Andere stand auf einer Kante und blickte hinauf zum Mond.
Dann ein Schritt.
Der Andere verschwand aus Ds Blickfeld.

D öffnete die Augen.
Vor ihm lag die bekannte Dunkelheit. Allerdings nahmen die Lichtschlieren nun Kontur an. Er war kurz davor ihr Geheimnis zu erkennen.
Straßenlaternen…

Der Aufschlag ereignete sich um 22.35 Uhr.

D war sofort tot.

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~ von Dante - 13. Juli 2010.

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